Reiseassistenz Kolumbien

Dank einer unglaublich inspirierenden Frau kann Care & Travel nun eine weitere unvergessliche Reise ermöglichen:

Claudia Köhler teilt den Traum von Care & Travel, eine menschlichere Welt zu schaffen. Eine Welt, in der gesunde Menschen und vermeintlich Schwächere, wie alte Menschen oder Menschen mit Handicap nicht isoliert voneinander leben, sondern sich im Alltag beiseite stehen, gemeinsam reisen und sich gegenseitig mit ihren Erfahrungen inspirieren.

Claudia selbst war früher unheimlich aktiv und hat sogar Ultramarathonstrecken bezwungen. Nun ist sie dabei, ihre eigene Krankheit zu bezwingen. Nachdem sie vollständig gelähmt war, kann sie heute sogar wieder laufen. Da ihre Arme immer noch gelähmt sind, ist sie bei Reisen noch auf etwas Hilfe angewiesen. Aufgrund unserer gemeinsamen Ideale hat sie auf Care and Travel vertraut, um das Angebot einer gemeinsamen Reise mit ihr zu verbreiten und dabei in Jakob den Perfekten Reisepartner gefunden.

Hier findet Ihr die Reiseberichte der beiden, sowie eine kleine Beschreibung von Claudias Traum.

 

Medellin, eines der Reiseziele
Claudia Köhler (links) auf einer Reise in Sansibar

Claudias Traum

Claudia will selbst in Sapzurro ein eigenes Projekt starten, mit dem sie es Menschen mit Handicap und gesunden Menschen ermöglichen will, wieder auf Reisen zu gehen und zusammen wunderbare Erlebnisse zu sammeln.
Hier beschreibt sie, was sie zu diesem Traum inspiriert hat:

"Bevor ich meine Überzeugung erläutere, die ich als Projekt in Kolumbien im Winter 2018/2019 praktisch umsetzen will, muss ich kurz improvisieren und erklären, denn Sie kennen weder mich, noch meine Motive. Ich denke, ich beginne mit meiner Beobachtung, und ich weiß, dass diese Einführung ein bisschen irritierend ist, dennoch:

Wenn Menschen von den Urlauben erzählen, in denen sie sich erholt haben, erinnern sie des Strandes als liebgewonnenen Geheimtipp oder der Unterkunft in einer kuriosen Altstadtgasse. Bei diesen Urlauben nun waren die Orte schön und das Wetter sonnig. Das ist Reiseglück, das ich auch kennengelernt habe, aber jetzt habe ich den Zustand nach einer schweren Viruserkrankung mit Querschnittslähmung (mittlerweile noch gelähmte Arme, doch kann ich wieder laufen), und ich sehe ein anderes Reiseglück. Ich erinnere mich an das Motorradtaxi, auf dem ich einfach zwischen zwei Mann gedrückt wurde, dass ich nicht war wie ein Klotz am Bein, und dann fuhr und schaltete der Fahrer konzentriert, während ich die atemberaubende Landschaft kaum aushielt. Ich erinnere mich an die vier Kolumbianer, die mein Handicap nicht kalt lies, die mich spontan mit ihren durchtrainierten Körpern umzingelten und so einkapselten, dass ich gefahrlos eine vom Dschungel verwilderte Etappe rauf und runter bewältigen konnte, und mich vier überglückliche Kolumbianer am Ziel damit überraschten, dass sie mir applaudierten, obwohl ich ihnen zum Dank verpflichtet war. Ich erinnere mich an meine Reiseassistenz, der mir beigebracht hat, zu akzeptieren, dass er vor mir im monsuneingebrochenen Lehmboden kniet, damit ich meinen Fuß gegen ihn aufsetzen kann, um nicht wegzurutschen. An all das erinnere ich mich, und dabei begreife ich, dass ich bei Urlaub nicht an Sonne und Meer denke, sondern an das Geschenk des gemeinsamen Genusses und der gegenseitigen Anerkennung, das weder aus Kalkül noch aus Not, sondern aus wirklich freiem Willen angestoßen wurde. Da bleibt es nicht aus, nachzudenken, was beispielsweise eine Sportskanone davon abhält, gemeinsam mit einer grazilen Oma mit ferrarirotem Rollator die Fülle der Natur zu entdecken? Warum nicht aus der Schubladen-Logik ausbrechen, nach der wir zugewiesene Plätze in einem homogenen Umfeld haben? Warum mit seiner Abschlussklasse, mit seinen Arbeitskollegen, mit seinem Seniorenheim, mit seiner Behindertenwerkstatt, ... verreisen, und alle haben die gleiche Realität? Warum nicht das magische Miteinander einer optimistischen Oma und einer unbezwingbaren Sportlerin entwickeln?

Aufgerüttelt von diesem Verständnis und verwandelt vom Land und vom Respekt der Kolumbianer bin ich in diesem Winter dabei, mich in Necocli und Sapzurro schlau zu machen. Ersteres ist ein kleines Städtchen an der Karibikküste. Zweiteres ist ein Dorf auf einer vor Necocli gelegenen Insel, wobei die Wildnis der Insel fordert, dass der Transport nur mit Pferdekutsche und Fahrrad geregelt wird. Dort, in Necocli will ich eine Einstiegshilfe ohne jeden Profit-Gedanken bieten für „Neuankömmlinge“, die dieses care and travel versuchen wollen. Die Reisenden werden auf ein Projekt treffen, das die Anliegen der Reisenden ernst nimmt und sich insbesondere auf deren Budget, körperliche Möglichkeiten und Wünsche einlässt. Das heißt, es werden keine Programmpunkte genannt, die abgehakt werden, denn Care & Travel will Reisen mit dem Sinn füllen, nach dem gefragt wird."

Claudia Köhler

mit einem alten Reisebekenntnis zu Kolumbien: „Die einzige Gefahr ist, dass man bleibt.“

Reisebericht #1

... ich schlendere durch Sapzzurro, einfach so. Links ein Spielplatz. Geradeaus ein Pfad nach Panama. Rechts ein Friseur, der im Garten arbeitet. Auf einem Bein stehend und flink schneidet er einem jungen Mann die Haare. Seine Öffnungszeiten sind irgendwie merkwürdig. Es ist Sonntag. Die linke Körperhälfte stützt der Friseur auf eine hölzerne Krücke. Er hat nur noch das rechte Bein. Die Krücke sieht so aus, als wäre sie Maßarbeit von einem Schreiner. Später komme ich an einer offenen Hütte vorbei und werde eingeladen, einzutreten. Ich bin neugierig, und bekomme einen Plastikstuhl. Das in der Hütte ist, wie der Deutsche sagen würde, eine Kinderaktion der Kirche. Gezeigt wird ein Zeichentrickfilm. Der Film ist gut. 30 Kinder zwischen 3 und 15 Jahren sitzen hier. Eigentlich komme ich wegen der Sprache. Ich konzentriere mich auf den Film bzw. und auf die Wörter, die ich verstehen kann. Mittlerweile haben die Kinder eine andere Aufmerksamkeit. Ihnen geht es um die Kekse, die verteilt werden. Ich erkenne, wie sie sich danach umdrehen und warten, bis sie an der Reihe sind. Irgendwann interessieren sich die Kinder nicht mehr für den Film. Es wird laut, und ich gehe. Dem humpelnden, alten Mann, der mich mit wachsamen Blicken in ein Gespräch verwickelt, begegne ich danach. Ich verstehe nur zu gut, dass er sich für meine Behinderung interessiert, die im sichtlich vertraut ist. Leider kann ich all seine Fragen nicht beantworten. Doch darum geht es auch kaum. Eher um ein gemeinsames Zulachen. Wie gut das tut. Und in zwei Tagen werden wir mit dem Boot zuerst nach Capurgana, dann nach Necocli übersetzen. Das Meer ist uns hoffentlich gnädig. Die Reisenden vor uns hatten zwei Wochen lang ein riesiges Problem. Sie konnten nicht zurück nach Necocli. Sie mussten warten, bis sich das Meer beruhigte. Na ja, auf das Meer setzen wir nicht ausschließlich. Die Fischer, die so zupackend sind, als wäre ein Tag ohne Tun kein gelungener Tag, werden mich ganz sicher wieder ins Boot tragen. Sie protestieren sogar, wenn mir Josef helfen will. Gestern sah ich sogar, wie ein Rollstuhlfahrer den Bootseinstieg mithilfe der Fischer schaffte, ohne dass die Fischer das offiziell als Unterstützung deklarieren würden. Mittlerweile von Necocli nach Medellin und von dort nach Nuqui an die Pazifikküste. Letzteres allerdings weder mit Bus noch mit Boot. Beides wäre völlig ungeeignet gewesen, allein wegen des undurchdringlichen Dschungels. Darum nahmen wir ein Jet-Flugzeug, eines in dem wir zu sechst saßen. In Nuqui ist es noch feuchter und wärmer. Josef überlegt, jeden Abend einen Salat zu machen. Ich bin begeistert, und gleich nachdem wir das beschlossen, verhandelte Josef mit einer Gemüsehändlerin, die ihm Gurken, Paprika, Tomaten, Zwiebeln reichte. Meine Güte, was war das für ein leckerer Salat. Jede Gurke, jede Tomate schnipselte Josef in kleinste, geschwungene Würfelchen. Um uns herum Palmenhaine, Meer, Strand, all das hat die Leichtigkeit eines Traums.

Reisebericht #2

Josef und ich haben jetzt drei Wochen hinter uns. Wir haben uns sehr gut aneinander gewöhnt. Während ich Dir eben schreibe, macht Josef Frühstueck. Gestern Abend hat Josef ein Treffen mit einer ehemaligen Klassenkameradin geschafft, obwohl es von Anfang an offen war wegen der kilometerlangen Entfernung. Nächste Woche versuchen wir gleichermaßen zwei Schulfreunde von Josef zu treffen, wobei ich damit rechne, dass es klappen wird. Und gerne kannst Du unsere Eindrücke aus Kolumbien auf Deiner Website arrangieren , sofern die Rechtschreibung stimmt. Es sind nicht meine Fehler, das Tablett ist schuld oder die spanische Tastatur. ☺ Ich stöbere natürlich auch nach Anlaufstellen, nach der du fragtest, und weiß mittlerweile, dass ich dieses Projekt sehr gut mit der Kirche organisieren kann. Zum einen verhindert dieser Weg, dass ich mich als Fremde in ein Dorf einmische. Zum Zweiten ist Kirche in jedem Ort wirklich greifbar, beispielsweise schloss der Bäcker einfach seine Backstube, um mit dem Pfarrer einen Ausflug nach Panama zu machen. Möchtest Du noch etwas von Kolumbien hören? Dann Nuqui: Ich hocke eine Weile unter Palmen. Um mich herum eine Frauengruppe. Rote Luftballons hängen in luftiger Höhe. Der Job der vier oder fünf anwesenden Männer besteht darin, Getränke, Mangos, belegte Brötchen zu verteilen. Mittendrin Musik und Tanz. Ausgelassenheit in Riesenwellen. Ich weiß nicht, ob man sich diese Ausgelassenheit so einfach vorstellen kann. Das ist die Art von Dabeisein, in der kein Zeitgefühl, keine Minute, keine kleinste Sekunde vorkommt. Das erinnert mich an eine Unterrichtsstunde der Dorfkinder. Sportunterricht gibt es in Nuqui an jedem Abend: am Fußballplatz oder am Strand bei weniger Sonne. Einmal sah ich, wie sich 5 bis 9-jährige Kinder in zwei Reihen gegenüber aufstellten mit gegrätschten Beinen und mit bloßen Füßen im Sand verankert. Mit gebeugten Oberkörper versuchten sie, dem Nächsten den Ball durch die Beine zu übergeben, wobei sie aneinander hingen wie Perlen an einer Schnur. Und plötzlich war Aus und Schluss. Ein sich bückender Po stupste den Hintermann um, und der Nächste und Übernächste torkelte aus der Reihe. Oder mitten bei der Arbeit: eine Dorfwiese, ein totes Schwein, eine Schaufel, ein Messer, ein Dutzend Dorfbewohner. Ich sehe die Hände der Dorfbewohner und darin frisches, blutiges Fleisch, das der Schlächter aus dem Schwein mitten auf der Dorfwiese wie auf einem Tranchierbrett herausgeschnitten und an die beiseite stehenden Männer und Frauen verteilt hat. Die Reste vom Schwein liegen in der Dorfwiese vergraben. Danach attackieren Aasgeier genau die Stelle, wo das Schwein liegt. … Mittlerweile bekomme ich ein zweites Sandwich gereicht. Wie sich später herausstellt, wird der Tag der Frau gefeiert. Meine Blicke gehen nach links und rechts und irgendwann schnellen sie nur noch den Kindern hinterher, die sich erschrecken wollen. Sie spielen mit mir. „Wer hat Angst vor der weißen Frau?“. Ich brauche nur 100 Meter bis zu unserem Hotel. Ein großes Haus mit drei Stockwerken. Das die zweite und dritte Etage unfertig ist, sieht man schon von weitem. Das Erdgeschoss wurde mit allem modernen Baumaterial zugemauert. Modern oder nicht. Das Klima und eine wahnwitzig dichte Konstruktion passen einfach nicht zusammen. Josef und ich befürchten, dass die Luftfeuchtigkeit die Wände solange malträtieren wird, bis das Haus unter Schimmel umstürzt, aufgerissen wie unter einer Schlammlawine. Im Moment und am meisten stört das nasse Schlafzimmer. Aber wir haben ein gutes Frühstück. Zu unserem Bäcker, der unsere mitgebrachten Mangos und Haferflocken akzeptiert und dennoch Respekt einflößt, brauchen wir 5 Minuten. Bei ihm fangen wir jeden Morgen mit einem Kaffee und einem Gebäckteilchen an. Am liebsten erinnere ich mich an sein Sortiment. Im Regal liegen die Milchbrötchen, in der Theke das Gebäck. Drei verschiedene Gebäckteilchen. Das Gebäck wird nur einmal die Woche hergestellt. Jeden Tag ist eine Sorte ausverkauft. Am dritten Tag ist die Theke leergeräumt. Der Andrang flaut nicht ab. Kunden tauchen unverdrossen weiterhin auf und verlangen nur noch Brötchen. Als würde es etwas die Bäckerkunden angehen, dass Lebensmittel nicht weggeworfen werden. Und natürlich selektiere ich, als Teil meines Reiseziels, die Häuser im Dorf nach Tauglichkeit: für praktisch jedes Handicap geeignet, hochgradig gefährlich, Häuser auf Holzpfählen, …. Und im nächsten Moment denke ich an das Bad, kein Platz zum Duschen mit Rollstuhl, aber für eine Außendusche wäre Platz genug. Was ich noch in diesem Dorf sehe, verschlägt mir die Sprache. Vier Mädchen greifen sich einen Rollstuhl und stürzen damit vom Laden hinaus zur Dorfstraße, aber nicht ehe sie den Rollstuhlfahrer fragen, der nun gebeutelt wird von Schlaglöchern, Regenpfützen und Kindergeschrei. Der Angehörige, der drei Minuten später aus dem Laden kommt, guckt verdutzt. Der Rollstuhl stand niet- und nagelfest vor dem Laden. Der Groschen fällt. Der junge Mann weiß, dass er nur nach links oder rechts sehen muss, um den Rollstuhlfahrer wiederzufinden. Ich sitze weiterhin beim Bäcker und fühle mich, als wäre ich hier geboren.